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Da sind Stimmen in meinem Kopf!

Der Traumaforscher und Traumatherapeut Dr. Ellert Nijenhuis befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit der Diagnostik und Behandlung schwer traumatisierter Patientinnen und Patienten. Er lehrt und schreibt umfassend über die Themen "traumaverwandte Dissoziation" und "dissoziative Störungen". Die Internationale Gesellschaft für Studien über Trauma und Dissoziation verlieh ihm mehrere Preise, darunter eine Auszeichnung für sein Lebenswerk.

Ein Gespräch

Das ifs sprach mit Dr. Ellert Nijenhuis.

Herr Nijenhuis, das Wort Trauma bzw. Traumatisierung wird heutzutage fast schon inflationär gebraucht. Man hat nicht selten das Gefühl, dass die Menschen gar nicht genau wissen, wovon sie sprechen. Daher an Sie als Fachmann die Frage: Was ist ein Trauma?

Ich bin auch der Meinung, dass der Begriff inflationär gebraucht wird. Fast alles wird als Trauma bezeichnet, wenn ein Mensch etwas Schlimmes erlebt. Doch das Wort „Trauma“ bedeutet eigentlich "Verletzung". Wir können etwas Schlimmes erleben, das eine Belastung darstellt, aber das muss nicht unbedingt bedeuten, dass es uns verletzt.

Können Sie beschreiben, wie sich ein Trauma zeigt?

In Symptomen, in Hinweisen, dass es da eine Verletzung gibt. Zum Beispiel wiedererleben traumatisierte Menschen unfreiwillig die schrecklichen Dinge, die sie erlebt haben. Nehmen wir an, Sie hatten einen schweren Autounfall, der Sie verletzt hat, auch seelisch. Wenn Sie diesen Unfall wiedererleben, dann sitzen Sie sozusagen wieder im Auto, sehen das andere Auto auf sich zukommen. Sie erleben es so, als ob es gerade eben passiert. Sie haben eine Riesenangst. Das nennt man flash backs oder ein weitergehendes Wiedererleben.

Ein anderer Hinweis auf ein Trauma ist es, dass sich manche Menschen – genau andersherum – nicht gut daran erinnern können, was genau passiert ist. Bei chronischen Traumatisierungen und Verletzungen wie beispielsweise sexuellem Missbrauch, Vernachlässigung, körperlichen Misshandlungen, die bereits früh im Leben einsetzten, gibt es Leute, die sich nur ab und zu oder aber gar nicht an das Erlebte erinnern können. Das heißt aber nicht, dass die Erinnerungen nicht da sind. Um es "technisch" zu sagen: Bei chronisch Traumatisierten teilt sich die Persönlichkeit. Damit ist gemeint, dass die Person keine Einheit mehr ist.

Stellen wir uns vor, ein Kind lebt in einer Familie, in der alles schief geht. Das Kind muss trotzdem schlafen, essen, in der Schule lernen, Freunde haben. Wie schafft ein Kind das, wenn es sich seiner schlimmen Lage völlig bewusst ist? Dann kann es hilfreich sein, sich geistig von dem zu entfernen, was gerade passiert. Bei einem Trauma, v. a. bei chronischen Traumatisierungen, funktioniert die Persönlichkeit nicht mehr als eine Einheit. Das schließt auch ein, dass es nicht nur ein "Ich" gibt, sondern dass es zwei, drei oder noch mehrere gibt, die sozusagen nebeneinander existieren.

Besteht bei einem Trauma immer Behandlungsbedarf?

Es gibt Menschen, die etwas ganz Schlimmes erlebt haben und es mit Unterstützung schaffen, zu gesunden. Das zeigt auch die Forschung. Z. B. bei Menschen, die ein Lawinenunglück überlebt haben: "Ich habe überlebt. Ich war unter dem Schnee. Es ist mir passiert. Es war schlimm. Ich habe diese Albträume. Ich habe gedacht, es ist vorbei, aber ich bin gerettet worden." Der Betroffene schafft es, sich die schlimmen Erinnerungen anzueignen und diese zu integrieren. Manchen Menschen aber, die chronisch in der schlimmen Situation bleiben, gelingt diese Zueignung nicht.

Was passiert in der Persönlichkeitsstruktur von schwer traumatisierten Menschen?

Eine Teilung, die mehr oder weniger tief sein kann, aber Teilung meint nicht Spaltung. Es ist nicht so, dass man zwei Stücke hat, die nichts mehr miteinander zu tun haben. Manche chronisch Traumatisierte hören einen anderen Teil in sich reden, sie hören Stimmen im Kopf. Das muss aber nicht heißen, dass sie psychotisch oder schizophren sind.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Zuerst gilt es, die Störung festzustellen, genau nachzufragen, was los ist: "Sie haben von Teilen geredet, welche Teile gibt es? Was machen die Teile miteinander? Versuchen sie, einander zu vermeiden, oder versuchen sie, etwas miteinander zu machen?"

Letztendlich muss alles wieder zusammengebracht werden. Wenn das aber nicht passiert, z. B. wenn der Teil Alltag versucht, emotionale Anteile loszuwerden, dann müssen wir uns bemühen, dem Patienten zu helfen. Generell gilt es, das Schlimme, das passiert ist, allmählich zu integrieren, zu sagen: "Es ist mir damals passiert und es hat sehr, sehr weh getan. Es hatte mächtige Konsequenzen für mein Leben, aber es ist jetzt Geschichte."

Was sind die Folgen, wenn man dies in der Behandlung nicht berücksichtigt?

Dann bleibt es so, wie es ist. Es wird sich nichts oder (zu) wenig ändern. Und leider haben wir als Traumatherapeuten immer wieder Fälle, die jahrelang ohne Erfolg behandelt worden sind, weil die Anteile nicht betrachtet worden sind. Es ist auch nicht gut, wenn wir als Therapeuten mehr fragen, als der Patient verarbeiten kann. Das bringt ihn durcheinander und er fängt an, andere Sachen zu tun, um es irgendwie zu bewältigen, z. B. sich selbst zu schneiden. Als Therapeuten können wir also viele Fehler machen.

Was ist die richtige Herangehensweise bei traumatisierten Klienten? Gibt es spezielle Methoden?

Ja, es gibt Möglichkeiten, die natürlich stark kontextbedingt sind. Ein Beispiel: Eine Frau kommt zu mir. Ihre Teilung der Persönlichkeit war nicht bekannt. Sie selbst hat nie erwähnt, dass sie Stimmen hört, da sie dachte: "Dann spinne ich halt, bin verrückt. Aber wenn ich es zugebe, bekomme ich Neuroleptika oder werde stationär eingesperrt und das will ich nicht."

Sie kam zu mir, weil die vorherige Behandlung nicht erfolgreich war. In der zweiten Sitzung bemerkte ich, dass sie Stimmen hört. Denn ich habe danach gefragt, ich habe gelernt, danach zu fragen. Sie sagte: "Es gibt ein Baby in meinem Kopf, das ohne Ende schreit. Ich will mich dann am liebsten durchrütteln, um es loszuwerden. Aber es gelingt mir nicht. Und auf einmal ist es wieder völlig still in meinem Kopf und ich frage mich: Wo ist es denn jetzt hin?" Ich habe der Frau vorgeschlagen, dieser Babystimme zu sagen: "Ich höre dich. Du bist da, bist in Not und ich höre es." In dieser Sitzung hat die Frau erlebt, dass die Stimme ruhiger wurde. Und so fing sie an zu lernen, mit ihren Teilen zurechtzukommen, ersten Kontakt aufzunehmen und den Teilen Anerkennung zu zollen, indem sie sagte "Du bist da".

Sie hörte ganz viele Stimmen. Es gab ein Kind, das schrie: "Tu es nicht, mach es nicht." Diese Stimme bezog sich auf die sexuelle Gewalt, die sie im Alter von vier Jahren von ihrem Vater erfuhr. Dann war da eine innere Mutter, die so schimpfte, wie ihre eigene Mutter mit ihr geschimpft hatte: "Du verdienst es nicht zu leben, du stellst dich so an, andere Menschen haben es viel schlimmer." Sie musste lernen, mit diesen Stimmen zu reden, und sie hat es geschafft.

Auch ich als Therapeut habe mit diesen Stimmen geredet: "Sie denken, dass Sie spinnen. Ich habe aber eher den Eindruck, dass Sie ein ganz schweres Leben hatten und mächtig kämpften, um mit dem Leben zurechtzukommen. Sie versuchen also etwas aufzuhalten, das kaum aufzuhalten ist. Lassen Sie uns sehen, welche Symptome bei Ihnen auftreten, denn für jedes Symptom wird es einen guten Grund geben."

Wenn wir so an die Sache herangehen, dann erleben die Frauen und Männer, dass das, was sie erlebt haben, nicht als krank oder irre gewertet wird, sondern als "Es ist zwar nicht normal, aber unter Umständen auch nicht abnormal. Es gibt eine Erklärung dafür und man kann Wege finden, um es zu behandeln." Das entschuldet auch.

Stimmt es, dass man mit Klienten nicht zu oft über das Trauma reden sollte, da dies retraumatisierend sein kann?

Das wäre es, wenn die Menschen keine Unterstützung bekommen würden, um damit zurechtzukommen. Lediglich des Redens willen von schlimmen Sachen zu sprechen, bringt nichts. Wenn aber das Diskutieren zu einer Begegnung mit Empathie führt – "Erzählen Sie, was Sie erlebt haben. Fühlen Sie nochmal, wie das genau war und bleiben Sie mit mir in Kontakt." – wenn die Patienten das schaffen, dann geht das in Richtung Integration. Sich mit traumatisierenden Geschichten auseinanderzusetzen, kann sehr sinnvoll sein, wenn es dazu führt, dass die Geschichte integriert wird. Wenn das aber nicht geht, dann würde ich mit dem Klienten eher schauen, was er braucht, damit es gelingt.

Wird das von allen Fachpersonen so gesehen?

Immer mehr und mehr. Es dauerte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, bis Trauma auch als Begriff für geistige Verletzungen gebraucht wurde. Die Geschichte der Menschheit weist drauf hin, dass wir als gesunde Menschen diese Art von Verletzung lieber nicht anerkennen. Dasselbe gilt für sexuelle Traumatisierungen. Noch im Jahr 1976 stand in einem Standardwerk der Psychiatrie, dass Inzest eine Prävalenz von 1 zu 1 Million hat.

Wir wissen jetzt, dass die Zahlen völlig andere sind. Da stellt sich doch die Frage: Wie kann es sein, dass etwas, das so häufig passiert, nicht gesehen wurde? So wie die Patientin ihre Problematik versteckt, so tut unsere Gesellschaft das auch. Wir wollen es nicht sehen, sind ignorant. Davon handelt auch mein neues Buch "Die Trauma-Trinität: Ignoranz – Fragilität – Kontrolle". Ignoranz, die nicht als Dummheit gemeint ist, sondern als "nicht wissen wollen oder können", existiert auf allen Ebenen: bei Patienten, bei Betroffenen, bei Tätern.

Und warum ignorieren wir? Weil wir fragil sind. Wer kann in unserer normalen Gesellschaft mit dem Wissen leben, dass eines von zehn Kindern zuhause sehr schlecht behandelt wird?  Ab und zu lesen wir in der Zeitung davon, wenn wieder etwas Schlimmes passiert ist. Dann fühlen wir uns alle verletzt, sind fragil und können es nicht mehr ignorieren. Dann verlangen wir nach Kontrolle. Aber wie lange? Eine Woche? Zwei Wochen? Und dann hat man es wieder vergessen. Wenn dann politische Entscheidungen getroffen werden müssen und wir fragen als Psychologen um mehr Geld an, um diese gesellschaftliche Problematik besser zu bewältigen, dann stellt keiner Geld zu Verfügung, dann wird die Problematik wieder ignoriert, bis etwas Neues passiert… das ist der Kreislauf.

Danke für das Gespräch.

 

Das Gespräch führte Julia Kleindinst.