Skip to Main Content Skip to footer site mapSkip to search
  • Schrift verkleinern
  • Schrift Standard
  • Schrift vergrössern
  • Kontrast erhöhen
  • Inhalte vorlesen
  • Wert des Gemeinnützigen

Wert des Gemeinnützigen

Als Leiterin des Bereichs ifs Wohnen beim Institut für Sozialdienste Vorarlberg bestätigt Heidi Lorenzi ihrer Erfahrung und Einschätzung nach ein Faktum, das hinlänglich bekannt ist: Demzufolge tragen Architektur und Außenraumgestaltung wesentlich zur Zufriedenheit der BewohnerInnen von Quartieren, respektive Wohnanlagen, bei. Vielfach sind es Details, die Stein des Anstoßes sind, weniger die großen städtebaulichen Gesten. Die daraus entstehenden Konflikte sind vorprogrammiert.

Kontinuierliche Siedlungsarbeit gefordert

Eine dem Wetter ausgesetzte, freistehende Briefkastenanlage, die Situierung von Single-Wohnungen direkt beim Kinderspielplatz, oft genützt von älteren, häuslichen Personen. Kinder- und Jugendräume im Abstandsgrün, die Bedürfnisse nach Rückzug und Selbstorganisation ignorierend. Die Liste an kleinem Ungemach ist lange und es stellt sich die Frage, inwieweit AuftraggeberInnen, PlanerInnen und Behörden sich in die Lage der BewohnerInnen hineinversetzen können oder möchten. Selbst planerische oder bauliche Mängel, die nicht den Vorschriften entsprechen, sind bei Neubauten zu finden – offene Rigole, zu schwere Eingangstüren etc. oder fehlende Leerverrohrungen für anpassbare Wohnungen.

Das verlangt nach Mediation und kontinuierlicher Siedlungsarbeit, denn die Konflikte sind in den letzten Jahren nicht mehr, jedoch härter geworden. In vielen gemeinnützigen Wohnanlagen werden vom Bauträger Hausvertrauenspersonen bestimmt. Diese Personen treten als Mittler auf, kümmern sich um Nachbarschaftszwiste oder Dysfunktionales in der Anlage. Sie weisen in der Regel sehr unterschiedliche Kompetenzen und Qualitäten auf. Laut Aussage von Heidi Lorenzi ein Umstand, der durch Schulungen und Fortbildungen leichter behoben werden könnte.

Neue "Baukulturfolgenabschätzung"

Derzeit erarbeitet das ifs Wohnen eine neue Evaluierungs-Matrix zur Siedlungsanalyse. Diese "Baukulturfolgenabschätzung" stützt sich u. a. auch auf den 2015 vom Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie, Wien herausgegebenen Masterplan "Gehen". Darin wird auf den großen gesellschaftlichen Nutzen von kurzen fußläufigen Wegen hingewiesen:
"Zu-Fuß-Gehen ist das ressourcenschonendste Verkehrsmittel, hat positive Umweltauswirkungen durch die Förderung der Alltagbewegung, ist eine für alle soziale Schichten und jedes Lebensalter leist- und durchführbare Form der Mobilität und daher sozial inkludierend.
Zu-Fuß-Gehen hat neben den individuellen Vorteilen auch Kostenersparnisse bei der Verkehrsinfrastruktur oder im Gesundheitsbudget zur Folge."*

Rückmeldungen von BewohnerInnen einholen

Die Siedlungsarbeit holt gezielt Rückmeldungen von NutzerInnen gemeinnütziger Wohnanlagen ein. Abgefragt werden neben der Standortqualität, basierend auf den Aussagen des Masterplans "Gehen", auch das Image der Wohnanlage, die persönliche Zufriedenheit und das Mobilitätsverhalten. Als Schlussfolgerung der intensiven Siedlungswesenarbeit anhand unzähliger Analysen und Einzugsbegleitungen identifiziert Heidi Lorenzi folgende Handlungsansätze:

Soziale Durchmischung planen

Eine spürbare Integration oder Verwebung unterschiedlicher sozialer Gruppen und Schichten muss aus dem Quartier heraus gedacht werden. Vermischung innerhalb einer Anlage oder sogar hausweise ist zu wenig.
Mitbestimmung erlauben – Gemeinnützige Anlagen verlangen nach Mitbestimmung. Die MieterInnen können sich bei der Gestaltung und Nutzung von Gemeinschaftsflächen einbringen. Das stärkt den inneren Zusammenhalt der Gruppe, bildet Zugehörigkeitsgefühl und Identität.

Konzepte umsetzen

Gemeinden können gemeinnützige Anlagen durch entsprechende Infrastruktur entlasten. Vielfach liegen in den Gemeinden übergeordnete Spiel- und Freiraumkonzepte, die verstärkt umgesetzt werden können. Hier tut bessere Abstimmung not und das Umsetzen übergeordneter Planungen.

Leistbaren Wohnbau propagieren

Nach wie vor sind gemeinnützige Wohnanlagen unterschwellig stigmatisiert. Es braucht BürgermeisterInnen und politisch Verantwortliche, die für die Schaffung leistbarer Wohnungen klar eintreten, dafür Position beziehen und gemeinnützige Anlagen in zentraler Lage einfordern und begrüßen.

* Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (2015): Masterplan "Gehen"


Ein Auszug aus dem Artikel „Quartier sind wir. Gemeinwesenarbeit ist unser aller Arbeit“ von Marina Hämmerle erschienen in: Amt der Vorarlberger Landesregierung, Abteilung Raumplanung und Baurecht (2017): Willkommen im Quartier. Von Dorfentwicklung und Städtebau in Vorarlberg (Schriftenreihe der Abteilung Raumplanung und Baurecht, Amt der Vorarlberger Landesregierung, Ausgabe 28), S. 58-59.