ifs_zeitschrift_1_16_sc

Frühling 2016 23 Krieg und Vertreibung werden dadurch zu Tätern gemacht. 5 Diese Stimmung ist stärker als die Ver- nunft. Die Anstrengungen des seriösen Journalis- mus und der politischen seriösen Aufklärung sind dann auf einem verlorenen Posten. Es besteht nach Adorno 6 die autoritäre Neigung, den Ärger bzw. die Aggression, die aufgrund des Verzichts entstehen, nicht nach oben auf die Mächtigen, sondern auf Schwächere zu verschieben. Es wird ein verzerrtes Bild der Gesell- schaft gezeichnet: Die „Einheimi- schen“ 7 seien die Anständigen, die sich in Beschei- denheit üben. Die „Fremden“ miss- achteten die Regeln und würden die konventionelle Moral und Ordnung verletzen. Damit ist die Feindseligkeit ihnen gegenüber dann berechtigt und darf sich offen zeigen. Die eigenen unerwünschten (Trieb-)Impulse werden auf die Gruppe der Flüchtlinge projiziert, werden ihnen unterstellt und an ihnen symbolisch bekämpft. Neid auf Flüchtlinge im ifs Alltag Dem Neid begegnen die ifs Helfer in ihrer psy- chosozialen Arbeit mit den Gegnern von Flücht- lingen. Klienten versuchen, ihre Helfer zur Kom- plizenschaft gegen die Neuen „nimmersatten Geschwister“ zu verführen, denen gegenüber sie sich benachteiligt fühlen. Es braucht dann viel Geschick, sich nicht vereinnahmen zu lassen! Beim ifs werden alle gleich wertschätzend und als Menschen behandelt. ○ 1 Vgl. Zizek, Slavoj (2015): Der neue Klassenkampf. Die wah- ren Gründe für Flucht und Terror. Berlin. Zizek bezieht sich auf: Sloterdijk, Peter (2005): ImWeltin- nenraum des Kapitals: Für eine philosophische Theorie der Globalisierung. Frankfurt amMain. „Der Crystal Palace (deutsch Kristallpalast) war ein […] eigens für die erste Weltausstellung 1851 in London […] ent- worfenes und […] gebautes Ausstellungsgebäude.“ In: https:// de.wikipedia.org/wiki/Crystal_Palace_ (Geb%C3%A4ude). 2 Vgl. Menasse, Robert (20014): Der Nationalismus wird nie wieder unschuldig sein. In: http://www.profil.at/ oesterreich/robert-menasse-der-natio-nalismus-unschul- dig-375447 (12.05.2016). 3 Grubrich-Simitis, Ilse (1984): Extremtraumatisierung als kumulatives Traumata. In: Lohmann, H. M. (1987): Psychoa- nalyse und Nationalismus. Frankfurt. 4 Die Schuld und Mitverantwortung unserer Eltern und Großeltern im Zweiten Weltkrieg, die in der eigenen Bio- grafie bisher kaum bearbeitet und damit nicht als solche anerkannt und/oder verurteilt wurde, wird nun durch die „Fremden“ (historisch und zeitlich verschoben, meta- phorisch aber sind es die „Juden“) mitassoziiert. Wir wer- den also „unbewusst erinnert“, dass wir als Gesellschaft (damals) hätten helfen sollen, anstatt wegzuschauen und uns schuldig zu machen. Es kann nun in uns das Gegenteil, also helfen zu wollen, auslösen oder wir sehen uns in der Rolle der „Opfer“ und machen (unbewusst) die Notleidenden/-reisenden und Flüchtlinge zu den „Tätern“, die uns alles wegnehmen. 5 Kellerhoff, Sven Felix (2008): Viele Vertriebene traf im Westen nur blanker Hass. In: Die Welt. http://www.welt.de/ politik/article2008254/Viele-Vertriebene-traf-im-Westen- nur-blanker-Hass.html (23.02.2016). 6 Adorno, Theodor W. (1995): Studien zum autoritären Cha- rakter. Suhrkamp Taschenbuch Verlag. 7 Einheimisch: Ein Mythos, der historisch nicht haltbar ist. Die Frage muss lauten: Ab wann wird jemand heimisch? „Dann findet eine Umkehr statt. Das Mitleid gilt den armen Einheimischen, die verstärkt Opfer seien, weil sie zugunsten der unverschämten Gier der Flüchtlinge verzichten müssten. Die Opfer von Krieg und Vertreibung werden dadurch zu Tätern gemacht.“ Dr. Peter Burtscher Psychotherapie Vorarlberg peter.burtscher@ifs.at Claudia Wielander, MSc Psychotherapie Vorarlberg claudia.wielander@ifs.at

RkJQdWJsaXNoZXIy NTQ2MDY0